Jahrgang 2011
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„Der Arsch ist immer am oberen Ende der Leine”

Sie sind eine große Familie. Sogar eine sehr große. Denn die Bewohner des Hauses an der Pehler Hülle bewegen sich nicht nur auf zwei Beinen durch die Welt, sondern in der Mehrheit auch auf vier. Die Familie Hilgers-Schillings wohnt hier, und dazu gesellen sich noch jede Menge Haustiere, die nicht nur in artgerechten Gehegen auf dem Grundstück gehalten werden, sondern auch immer einmal wieder in den vier Wänden der Tierfreunde. Tiere in Not finden hier vorübergehend ein Zuhause. Sie werden hier wieder aufgepeppelt und fit gemacht für ein neues Leben bei Menschen, die es besser mit ihnen meinen als ihre Vorbesitzer.

Wobei das wiederum nicht ganz richtig ist. Denn Tiere geraten nicht nur in Not, wenn sie von gewissenlosen Menschen irgendwo ausgesetzt oder an der Laterne eines Autobahnrastplatzes angebunden werden. Manchmal werden sie auch aus ihrer behaglichen Umgebung gerissen, etwa wenn ihre „Herrchen“ überraschend versterben und sich niemand findet, der sich um sie kümmern kann. Auch das passiert selbstverständlich, öfter als man vermuten würde.

 

Martin Hilgers kann viele solcher Geschichten erzählen. Er ist der 1. Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins „Tiere in Not in Brühl und Umgebung“, den er zusammen mit und auf Initiative seiner Tochter Monika Kemp und anderen Tierfreunden im Jahr 2007 gegründet hat. 69 Jahre alt ist der rüstige Rentner, der 1941 im Eifeldörfchen Dreiborn zur Welt kam, Autoschlosser lernte, als Kraftfahrer sein Geld verdiente, später auch als Forstwirt arbeitete und bis heute auch begeisterter Imker ist.

 

„Ich würde mir wünschen, dass sich alleinstehende alte Menschen frühzeitig darüber Gedanken machen, was mit ihren Haustieren geschehen soll für den Fall, dass ihnen selbst etwas passiert“, erzählt uns Martin Hilgers von einem ihm wichtigen Anliegen. „Sonst kommt es schnell vor, dass die Tiere im Tierheim landen, wenn ihre Besitzer gestorben sind.“ Doch es lässt sich leicht Vorsorge treffen. Der Verein Tiere in Not bietet seine Hilfe an, übernimmt und vermittelt in dem Fall die Tiere gerne. „Man kann das vertraglich regeln“, sagt Martin Hilgers. „Es reicht aber auch ein gut sichtbarer Zettel am schwarzen Brett in einer Wohnung, auf dem unsere Telefonnummer steht.“ Dann können sich die Mitarbeiter des Ordnungsamtes im Bedarfsfall bei den Tierfreunden melden.

Die Betreuung der Tiere durch den Verein Tiere in Not unterscheidet sich ziemlich von der in offiziellen Tierheimen, die strenge und oftmals nicht nachvollziehbare Auflagen zu erfüllen haben. Gerade deshalb beschloss Monika Kemp vor vier Jahren, die Betreuung von Tieren selbst in die Hand zu nehmen. „Ich war mit der Arbeitsweise in dem Tierheim, in dem ich geholfen habe, nicht mehr einverstanden“, begründet sie ihre Eigeninitiative.

 

Tierschutz wird auch übertrieben

Beispiele fragwürdiger Regelungen gibt es viele. So dürfen Tierheime oftmals keine Tiere mehr an Menschen abgeben, die über 60 Jahre alt sind, oder an Familien mit vielen Kindern. Ältere Menschen könnten ja früher sterben als ihr neuer Mitbewohner, und Kinder könnten den Tieren auf die Nerven gehen. Katzen dürfen nur paarweise übernommen werden, Hunde dagegen einzeln. „Eigentlich müsste es, ginge es nach der Natur, umgekehrt sein“, findet Martin Hilgers. „Katzen sind Jäger und Einzelgänger, Hunde dagegen Rudeltiere.“ In vielen Fällen wird der Tierschutz übertrieben. Im Zweifel verbleibt ein Tier dann im Tierheim, statt ein neues Zuhause zu finden, das zwar möglicherweise nicht ideal, aber dennoch sicher besser ist als das Heim.

Bei Familie Hilgers ist das anders. Die Tierstation ist bestens ausgestattet und geht eigene Wege. Sie nimmt Tiere in Not auf, Tiere aus Sterbefällen, Fundtiere, ausgesetzte Tiere, kranke Tiere. Vor allem Katzen und Hunde, aber auch Kaninchen, Meerschweinchen, Pferde und sogar ein Esel wurden schon gepflegt. Durchschnittlich einen Monat verbleiben die Tiere in der Obhut des Vereins, dann wurden sie auch bereits deutschlandweit bis an die Ostsee oder nach Bayern an „Selbstabholer“ weitervermittelt. „Wir können nicht immer überprüfen, ob die Tiere auch wirklich in guten Händen landen“, gesteht Martin Hilgers. „Aber wenn sich jemand aus Rostock die Mühe macht, mit dem Auto zu uns zu kommen, um einen 14 Jahre alten Dackel zu übernehmen, gehe stark davon aus, dass es sich um einen wahren Tierfreund handelt.“ Und wer mit seinem neuen Tier letztlich doch nicht zurecht kommt, kann es wieder innerhalb einer 14-tägigen Probezeit zurückgeben und bekommt sein Geld wieder.

 

Tag und Nacht erreichbar

Bis zu zehn Hunde und fünfzig Katzen können in den beiden Katzenhäusern, dem Quarantänehaus, den drei Hundezwingern und im Haus untergebracht werden, auch eine ein Hektar große Auslauffläche steht zur Verfügung. „Wir nehmen auch immer einige Hunde zu uns ins Haus, damit sie sich sozialisieren und an die Alltagsgeräusche gewöhnen können“, berichtet Monika Kemp. „Den Tieren fällt es dann deutlich leichter, sich nach einer Vermittlung in der neuen Umgebung zurechtzufinden.“ Derzeit herrscht allerdings einiger Leerstand, aber das wird sich in Kürze ändern, wenn die „Frühlingskatzen“ kommen.

Die Haustiere werden gegen eine Gebühr abgegeben, die bei Katzen 100 Euro und bei Hunden 250 Euro beträgt. Die Tiere sind dann gesund, geimpft, kastriert und gechipt. „Mit den Gebühren können wir die Kosten für Tierarzt und die Tiernahrung decken. Wir verdienen an den Tieren nichts“, versichert Monika Kemp. Rund 400 Tiere hat der Verein Tiere in Not bereits erfolgreich vermittelt. Für ihre „Kunden“ bieten die Tierfreunde übrigens auch eine Urlausbsbetreuung der Tiere an, falls die neuen Besitzer einmal ohne ihre Tiere verreisen möchten.

Während das Verhältnis zur überwiegend positiv eingestellten unmittelbaren Nachbarschaft gut ist, könnte die Zusammenarbeit mit der Stadt Brühl besser sein. „Bei der Nachbarschaft bedanken wir uns ganz herzlich für die Toleranz und die Unterstützung. Das Verhältnis zur Stadt Brühl ist dagegen leider etwas angespannt“, sagt Martin Hilgers. Nach einigen Differenzen zieht es das Ordnungsamt momentan vor, Fundtiere lieber zum Tierheim des Erftkreises ins über 50 Kilometer entfernte Niederaußem zu fahren, statt den Brühler Verein zu kontaktieren. Dagegen läuft die Zusammenarbeit beispielsweise mit den zuständigen Stellen in Erftstadt vorbildlich. „Wir sind Tag und Nacht erreichbar und immer für Not leidende Tiere da“, sagt Martin Hilgers. „Die Tiere können ja nichts dafür. Der Arsch ist immer am oberen Ende der Leine.“

 

Engagement ausgezeichnet

Vorbildlich ist auch das Engagement von Pascal Kemp, dem 14-jährigen Sohn von Monika. Er hilft täglich mit, führt Hunde spazieren und hat auch schon einige Freunde für die Sache begeistern können. Für seinen Einsatz wurde er auch vom Brühler Lions Club im Rahmen der Aktion „Die gute Tat“ ausgezeichnet.

Außerdem wird der Verein von zahlreichen Gönnern unterstützt. Zusammen mit dem Brühler Juwelier Eckhard Böhm wird einmal im Jahr der Tierschutztag mit Infoständen, Flohmarkt, Tombola und Bastelaktionen für Kinder veranstaltet. Auch mit der Brühler Tafel kooperiert der Verein Tiere in Not. Futterspenden erhält der Verein vom Futterhaus aus Wesseling und dem Hersteller Mars Petcare.

Finanziell steht der Verein auf gesunden Beinen. Über die Beiträge der rund fünfzig Vereinsmitglieder, Spenden und die eingenommenen Vermittlungsgebühren kommt Geld in die Kasse. Gerne würde sich der Verein auch vergrößern, geeignete Räumlichkeiten waren auch schon gefunden. Doch scheiterte das Projekt an unsinnigen gesetzlichen Bestimmungen. In Frechen wollte der Verein verlassene Gebäude auf dem Gelände einer ehemaligen Militäreinrichtung auf eigene Kosten umbauen. Der Stadt Frechen wäre das auch sehr recht gewesen. Doch statt sinnvoll genutzt zu werden, müssen die Anlagen nun für 1,5 Millionen Euro abgerissen werden. „Wir hätten es Euch gerne geschenkt, aber das ging leider nicht“, sagte ein zuständiger Mitarbeiter der Stadt Frechen.

So bleibt der Verein weiter in Brühl ansässig. Dem Engagement für die Tiere tut diesen keinen Abbruch. Voller Einsatz widmen sich die vielen Helfer den Tieren. Sie pflegen sie, sie füttern sie und sie machen sie fit für ein neues Leben. Weitere Unterstützung ist immer willkommen. Wer helfen will, findet alle weiteren Informationen unter www.tiere-in-not-bruehl.de. Wer spenden will, ist hier richtig: „Tiere in Not in Brühl und Umgebung e.V.“, Kreissparkasse Köln, BLZ 37050299, Kontonummer 0160270725.

Tobias Gonscherowski

 

 

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